St. Amandus Müddersheim

Interview mit Marga Friesdorf

Marga Friesdorf
Marga Friesdorf
  • Wie lange leben Sie schon in Müddersheim?
    Vor 55 Jahren bin ich nach Müddersheim gekommen.

  • Was verbindet Sie mit diesem Ort?
    Ehrlich gesagt, wollte ich anfangs gar nicht hier hin und war todunglücklich. Mein Zuhause war schließlich Vettweiß, dort bin ich aufgewachsen. Doch mein Mann, ein echter Müddersheimer Jung, hatte die Idee, das familiäre Lebensmittelgeschäft zu übernehmen - also ging ich mit. Zur damaligen Zeit hatte man es als Frau auf dem Land nicht leicht, denn es gab einfach nichts, wo man hätte hingehen können. Dabei war ich schon beweglicher als die meisten anderen Frauen, denn ich besaß seit 1959 einen Führerschein. Letztlich haben mich drei Dinge in Müddersheim gerettet: Das Geschäft, unsere Kinder und der Karneval.
    Als wir das Geschäft übernahmen, wurde ich von den Müddersheimern sehr freundlich aufgenommen und schon bald kamen von den Jüngsten bis zu den Dorfältesten viele bei uns einkaufen. Somit entwickelte sich das Geschäft zu einem wichtigen Treffpunkt im Dorf. Was mich auch sehr mit Müddersheim verbindet, ist die Tatsache, dass unsere Kinder hier eine sehr glückliche Kindheit hatten. Ihr Leben spielte sich, anders als bei den heutigen Kindern, vorrangig draußen ab. Auf dem Kirchplatz spielten sie mit Murmeln und auch auf dem Sportplatz war immer etwas los. Die Kinder waren kreativ und ließen sich ständig was Neues einfallen. Eine Zeitlang kamen sie z.B. in unser Geschäft und baten um die Netze, in denen Zwiebeln oder Rosenkohl verpackt waren. Aus diesen Netzen knüpften sie sich dann ihre Tore für das Fußballspiel. Mein Sohn hat z.B. noch heute seinen, im hiesigen Wald gesuchten Hockeyschläger im Keller, auf den er damals sehr stolz war. Und im Winter, wenn der Burgweiher zugefroren war, liefen Kinder und Männer dort Schlittschuh.
  • Warum nur Kinder und Männer, wo waren die Frauen?
    (lacht) Die Frauen hatten keine Schlittschuhe. Anfang der 60-er Jahre gab es noch ganz klare Geschlechterrollen. Die Frauen standen währenddessen am Kochtopf und hatten sich um den Haushalt zu kümmern. (lacht)

  • Sie sagten vorhin, dass auch der Karneval dazu beigetragen hat, dass Sie sich mit Müddersheim verbunden fühlen. Inwiefern?
    Naja, ich war schon immer ein Karnevalsjeck und kannte es aus Vettweiß ja auch nicht anders. Dann kam ich nach Müddersheim und musste feststellen, hier war absolut tote Hose. Kein Dreigestirn, kein Karnevalsumzug - das war richtig schlimm für mich. Gott sei Dank haben wir das schnell geändert. Aus einer spontanen Idee in der Kneipe ("Bei Änne") entstand 1965 der erste Karnevalsumzug in Müddersheim.

  • Was unterscheidet für Sie diesen Ort von anderen?
    Es lässt sich in Müddersheim gut leben, weil es landschaftlich schön gelegen ist. Das zeigt sich auch daran, dass viele Auswärtige hier gebaut haben und Müddersheim sich dadurch gut entwickelt hat. Zugleich zeugen noch heute viele kleine, sehr einfach gehaltene Häuser von einer Zeit, in der der Wohlstand hier im Dorf noch nicht so ausgeprägt war.

  • Wie würden Sie den "echten" Müddersheimer beschreiben?
    Der Ur- Müddersheimer war arbeitsam, brav und dienend. Man muss sich das so vorstellen, dass die meisten Müddersheimer beim Baron oder auf dem Sinziger Hof im Dienst standen. Sie arbeiteten in der Land- und Forstwirtschaft oder in der Ziegelei. Die Löhne waren knapp und so kam es, dass viele ihren Einkauf unter der Woche bei uns anschreiben ließen. Erst am Wochenende, wenn sie ihre Lohntüte bekamen, wurden die offenen Rechnungen beglichen. Der Wohlstand wuchs, als die Leute später auswärts arbeiteten. Man fuhr mit dem Fahrrad nach Düren und arbeitete bei der Bahn, in der naheliegenden Brikettfabrik oder in Nörvenich auf dem Flugplatz.

  • Wenn ich neu in diesen Ort käme, was müsste ich tun, um dazuzugehören?
    Wenn jemand wirklich zur Dorfgemeinschaft gehören möchte, hat er es nicht schwer. Ein freundliches "Guten Tag" reicht schon, um miteinander ins Gespräch zu kommen.

  • Welchen Bezug haben Sie zu unserer Kirche in Müddersheim?
    Tja, mit der Kirche ist das ja heute leider etwas lau geworden. Zur Zeit von Pfarrer Lemmen hatte die Kirche hier noch eine ganz andere Bedeutung. Er war streng katholisch, hielt die Gemeinde zusammen und war sehr geschickt darin, Geld einzutreiben. Allerdings in keinster Weise, um sich selbst daran zu bereichern, sondern um im christlichen Sinne Gutes zu tun. Unsere Gemeinde stand während seiner Amtszeit finanziell sehr gut da. Wir haben viel an Misereor und Adveniat gespendet und Bedürftige im Ort unterstützt. Pfarrer Lemmen war sehr nah an den Menschen dran, hatte immer ein offenes Ohr, besuchte Kranke und gab selber sein letztes Hemd, wie man so schön sagt. Unsere Kirche hatte damals eine stark soziale Funktion und förderte den Zusammenhalt im Dorf. Wir Frauen gingen sonntags um 7:30 Uhr in die Frühmesse und unsere Männer um 10:00 Uhr ins Hochamt. Danach stand man in Grüppchen auf dem Kirchplatz versammelt und diskutierte über Politik, die Familie oder plante das nächste Dorffest und die Männer gingen anschließend in die Gastwirtschaft. Seit 1990 (Sterbejahr Pfarrer Lemmen) haben wir hier die Diaspora, denn es gibt keinen eigenen Pfarrer mehr und damit auch kein lebendiges Gemeindeleben.

  • Was bedeutet Glauben für Sie?
    Ohne Gott und Gebot wäre ein Leben für mich nicht vorstellbar. Jeder glaubt doch an irgendetwas, oder? Allerdings gibt es für mich den einen christlichen Glauben. Ich unterscheide nicht in katholisch oder evangelisch und finde es an der Zeit, diese Trennung endlich aufzuheben.

  • Die Kirche wird immer leerer, immer weniger Menschen nutzen die Angebote. Welche Ursachen vermuten Sie dahinter?
    Wir sind derzeit in Müddersheim ungefähr 30 konstante Kirchgänger und wenn hier kein Gottesdienst stattfindet, fahren wir auch schon mal in andere Kirchen. Doch man fühlt sich irgendwie heimatlos. Was jedoch vor allem fehlt, ist der Hirte. Jemand, der die Nähe zu den Menschen sucht, sie miteinander verbindet oder auch mal Kranke besucht, um mit ihnen ein Gebet zu sprechen. Wichtig wäre auch, dass es in den Predigten noch besser gelänge, die christliche Lehre in unsere heutige Zeit zu übertragen, damit sich die Menschen wirklich angesprochen fühlen.

  • Was wünschen Sie sich für die Zukunft von Müddersheim?
    Ich frage mich manchmal, wo sind all die engagierten Leute hier im Dorf, wo sind die Leute mit guten Ideen, tatkräftigen Händen und Ausdauer? Mein Gefühl sagt mir, dass es immer weniger werden, die sich für unser Dorf engagieren. Ich fände es gut, wenn es hier in Müddersheim eine Begegnungsstätte gäbe, in der Junge und Alte miteinander ins Gespräch kämen. Das funktioniert jedoch nicht, wenn die Alten sagen: "Es muss genauso sein, wie wir es immer getan haben" und die Jungen meinen: "der alte Zopf muss ab, denn wir wissen es eh besser". Vielmehr setzt es voraus, dass jeder bereit ist, auf den anderen einen Schritt zuzugehen und sich füreinander zu öffnen. Ja - das wünsche ich mir für die Zukunft von Müddersheim.